Hundefutter ist „mehr Wert“ als Lebensmittel

Drucken

Gängeln der Landwirte muss beendet werden

Kreis Neuwied – Im Rahmen der traditionellen Lichtmesstagung in Fernthal konnte Dominik Ehrenstein, Vorsitzender des Vereins landwirtschaftlicher Fachbildung Neuwied e.V. (VlF), zahlreiche Landwirte und Gäste aus Agrarverwaltung und Kommunalbehörden begrüßen. In seinem Grußwort schilderte er die zunehmende Bürokratisierung u.a. bei den verschärften Anforderungen der neuen Düngeverordnung. Darüber hinaus leiden die Landwirte und ihre Familien unter der geringen gesellschaftlichen Akzeptanz ihrer Tätigkeit. Bei gestiegenen Restriktionen und Standards in der Produktion, scheinen die Verbraucher eher bereit zu sein, mehr Geld für Hundefutter auszugeben, als für Lebensmittel. Dominik Ehrenstein attestierte den landwirtschaftlichen Betriebsleitern eine hoch qualifizierte Ausbildung, die in der Öffentlichkeit immer häufiger in Frage gestellt wird. Er dankte dem Landrat für dessen Unterstützung der Landwirte in diesen schwierigen Zeiten.

Landrat Achim Hallerbach unterstrich in seinem Grußwort die große Bedeutung der Landwirtschaft für den Erhalt der Kulturlandschaft, die in dieser Form durch die landwirtschaftliche Nutzung erst entstanden sei. Zudem müsse die Grundversorgung mit einheimischen Lebensmitteln sichergestellt bleiben. Die Proteste von „Land schafft Verbindung“ wurden vom Landrat durch Pressemitteilungen und Präsenz bei Protestaktionen aktiv unterstützt.

„Gut ausgebildete junge Landwirtinnen und Landwirte haben ihrem Unmut Luft gemacht und weite Teile der Bevölkerung erreicht. Macht weiter so,“ forderte der Landrat die „Land-schafft-Verbindung-Aktivisten“ auf, jetzt nicht nachzulassen.

Ob sich aus dem begonnenen Diskurs mit den politischen Entscheidungsträgern ein verlässlicher „Gesellschaftsvertrag“ zwischen Landwirtschaft, Politik und Gesellschaft entwickeln lässt, bleibt abzuwarten. „Wenn das nicht gelingt, haben wir in 20 Jahren keine Landwirtschaft mehr! Wer soll dann die Pflege unserer Naturlandschaft übernehmen, wenn die jungen Landwirte wegen der Gängelung und Überreglementierung keine Lust mehr haben?,“ äußerte Landrat Achim Hallerbach seine Sorge bezüglich der fehlenden Hofnachfolger in den landwirtschaftlichen Betrieben.

Dabei verwies er auf die Forderungen, die er bereits hinsichtlich einer Korrektur der Ausweisung von Dünge-Restriktionsgebieten, der Unterstützung von Schutzmaßnahmen gegen Wolfsangriffe auf Nutztiere und einer Verbesserung der Bodenmarktpolitik an die Landesregierung gestellt hatte. „Bislang haben wir entweder abschlägige oder keine Antworten erhalten,“ so das Resümee von Achim Hallerbach.

„Weniger Wasser, Dünger und Chemie – Wie können wir die Erträge stabilisieren?“ mit diesem Thema nahm Sven Böse, Leiter der Fachberatung der Saaten Union, auch gleich die derzeitigen Nöte der Landwirte auf. „Unser Pflanzenzuchtziel ist eine höhere Effizienz der Sonnenenergienutzung,“ definierte der Zuchtexperte die Zielsetzung der Züchter. „Wir müssen eine genetische Ertragsstabilisierung durch höhere Nährstoffeffizienz, höhere Wassereffizienz, weniger Klimagase und mehr Humusbildung und mehr Naturlandschaft erreichen. … und vor allem genetische Diversifizierung auf dem Acker. Vielfalt drischt besser!“ Diese Aussage bestätigte Sven Böse anhand von Praxismodellen. Nach seiner Prognose werden die Ertragsstabilisatoren Düngung und chemischer Pflanzenschutz aufgrund mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz in Zukunft nicht mehr in erforderlichem Maße zur Verfügung stehen. „Die neuen Wachstumstreiber sind Züchtung und Digitalisierung, um einem Ertragseinbruch und damit weltweiten Nahrungsengpässen entgegenzuwirken,“ ermutigte Sven Böse die Landwirte zu einem auch in Zukunft erforderlichen und erfolgreichen Ackerbau.

Jürgen Schuldig-Fritsch, Bezirksdirektor der Vereinigten Hagelversicherung schilderte die Extremwetterereignisse der letzten beiden Jahre. Während die Folgen der Dürre bundesweit zu spüren waren, hatten Hagel, Sturm und Starkregen meist nur regionale Auswirkungen; allerdings mit beträchtlichen Schäden in Obst-, Wein-, und Ackerbau. Mit dem kontinuierlichen Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur hat sich die Anzahl der Sommertage und der heißen Tage signifikant erhöht und die Zahl der Frosttage deutlich abgenommen. Ein immer frühzeitigerer Vegetationsbeginn führt vermehrt zu Schäden durch Spätfröste im Obst- und Weinbau.  Mit einer sich ändernden Niederschlagsverteilung sind sowohl die Dürreschäden wie auch die Schäden durch Starkregen drastisch angestiegen. „Doch den Unbillen des Wetters muss der Landwirt nicht schutzlos ausgeliefert sein,“ erklärte der Versicherungsexperte. Dabei stellte er die unterschiedlich kombinierbaren „versicherbaren Gefahren“ dar. Dazu gehören Hagel, Sturm, Starkregen und Starkfrost. Eine Dürreversicherung wird bereits in Luxemburg angeboten. Zusätzlich baut die Vereinigte Hagel in Zusammenarbeit mit dem Meteorologen Jörg Kachelmann ein agrarmeteorologisches Messnetz für die Landwirtschaft auf. Mit den verfügbaren Wetterdaten und Vorhersagen können pflanzenproduktionstechnische Entscheidungen termingerecht getroffen werden.

Ein weiteres Schadensrisiko – nicht nur für Schweinehalter - ist die Afrikanische Schweinepest (ASP). Diese hat Deutschland bereits eingekreist. Bei festgestelltem Ausbruch drohen den Betrieben Betretungs- und Ernteverbote. Dieses Risiko kann ebenfalls versichert werden. „Nur ein gut abgestimmtes Risikomanagement führt auf Dauer zu einem sicheren Betriebserfolg,“ gibt Jürgen Schuldig-Fritsch seinen Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den Weg.

Nach der Jahreshauptversammlung des Verein Landwirtschaftliche Fachbildung referierte Thomas Ecker von der Unteren Landwirtschaftsbehörde der Kreisverwaltung Neuwied über Änderungen in den Agrarfördermaßnahmen und ermahnte die Landwirte eindringlich die erforderlichen Aufzeichnungen für eine unverhoffte Kontrolle bereit zu halten, und bzgl. der Dauergrünlandentstehung wachsam zu sein.

Abschließend informierte Amtstierärztin Ilonka Degenhardt über die aktuelle Tierseuchensituation. Besonders gravierend sind die Konsequenzen, der in Rheinland-Pfalz festgestellten Blauzungenkrankheit für Rinder- und Schafhalter. Es stehen zwar mittlerweile ausreichend Impfstoffdosen zur Verfügung; je nach Impfstoffhersteller müssen diese allerdings in unterschiedlichen Zeitabständen verabreicht werden. Hier wies Ilonka Degenhardt noch einmal auf die Notwendigkeit der Dokumentation der Impfung und die erforderlichen Begleitpapiere zu jedem Tiertransport hin.

Darüber hinaus schilderte sie die Restriktionen im Detail, die bei einem Ausbruch der (ASP) drohen können. „Ich empfehle jedem Betrieb eine ASP-Versicherung abzuschließen,“ war ihr Rat an den Zuhörerkreis.

Nach diesen Ausblicken beendete Dominik Ehrenstein die Lichtmesstagung 2020 in der Hoffnung im nächsten Jahr mit besseren Perspektiven aufwarten zu können.